Entgegen allen anders lautenden Behauptungen, nach denen Kampfsportler Kraft durch Technik ausgleichen können und daher kein gesondertes Krafttraining benötigen, gehören Kräftigungsübungen und Kampftechniken untrennbar zusammen. Dass der Ringkampf in den unterschiedlichsten Kulturen vor allem wegen seiner körperbildenden Eigenschaft geschätzt wurde, ist bekannt. Andererseits benötigt jeder Kämpfer ein gewisses Maß an Kraft. Von zwei technisch gleichermaßen versierten Athleten wird immer der Stärkere gewinnen. Darüber hinaus läßt sich aus dem physikalischen Grundsatz

Kraft ist Masse mal Beschleunigung

ableiten, daß bei gegebener Masse, die bewegt werden soll, die Beschleunigung, die dieser Masse erteilt werden kann, von der Größe der zur Verfügung stehenden Kraft abhängig ist.

Vielfach wird behauptet, die Methoden seien unvereinbar, Krafttraining mache langsam und verschlechtere die Koordination. Darüber hinaus unterscheide sich die Dynamik im Krafttraining derart von der in den Kampfkünsten, daß eine gegenseitige, positive Befruchtung unmöglich sei. Abgesehen davon, daß diese Behauptung einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält, da sich die Dynamik eines sachgemäßen Krafttrainings ja gerade an der Wettkampfübung orientiert, ist sie historisch betrachtet, völlig falsch. Das Krafttraining war schon immer Bestandteil der Kampfkunst. Beide Methoden versprachen eine kämpferische Überlegenheit gegenüber dem Untrainierten und entwickelten sich parallel.

Bei den Athleten des antiken Griechenland waren Formen des Krafttrainings ebenso gebräuchlich wie in Indien. Nach der Legende von Bodhidharama war der Ursprung der Kampfkünste nichts weiter als ein gymnastisches System zur Entwicklung von "Fitness". Die Erfolge waren in der Tat erstaunlich. Es wird berichtet, daß die Shaolin-Mönche nach jahrelangem Training Felsbrocken mit einem Gewicht von 400 kg vom Boden hochheben konnten. Diese Behauptung klingt vermutlich weniger abenteuerlich, wenn man bedenkt, daß der Weltrekord im Kreuzheben, der von dem Engländer Andrew Bolton gehalten wird, derzeit bei 455 kg liegt. Weitere offiziell anerkannte Rekorde sind:

Tiefkniebeuge Andrew Bolton
(GBR)
550,5 kg
Bankdrücken Aichs Chad
(USA)
372,5 kg
Stoßen Hossein Rezazadeh
(IRI)
263 kg
Reißen Hossein Rezazadeh
(IRI)
213 kg

Gewichtheben wird in China bis heute zu den Kampfkünsten gezählt, und auch im Okinawa-Te wurden diverse Kraftübungen (Tanren) absolviert:

"Zur Kräftigung der Handgelenke und der ganzen Muskulatur des Schultergürtels dienten eigenartige Hanteln, sogenannte Kraftsteine (Chikaraishi), in Form eines steinernen Hammers an einem hölzernen Handgriff oder einer Kugel mit einem durchgesteckten Stab. Es wurden auch trapezförmige Metallgewichte chinesischer Herkunft (Chashi) mit einem Gewicht von fünf bis fünfundzwanzig Kilogramm verwendet. Manchmal hatten die Chashi die Form einer langen Keule."

Heute ist es ganz selbstverständlich, dass Kämpfer sämtlicher Stilrichtungen sich der Möglichkeiten eines modernen Fitness-Studios bedienen. Ein gewisses Maß an Athletik ist die Voraussetzung zur Teilnahme am Wettkampfbetrieb. Gezieltes Krafttraining ist daher integraler Bestandteil jedes fachgerechten Karate Trainings. Neben den klassischen Übungen mit der Scheibenhantel werden neuerdings vermehrt Plyometrie (Sprints und Sprünge) und Koordinationsübungen eingesetzt.

 


Diese Seite ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Nutzung und Reproduktion ohne Zustimmung des Autors ist untersagt und wird strafrechtlich verfolgt.

All contents © copyright 2000 - 2010 · Collin F. KAEMMER · All rights reserved.