Muay Thai oder Thai-Boxen gilt als eine der härtesten Kampfsportarten der Welt. Sie wird ausschließlich im Vollkontakt betrieben und ist der Nationalsport Thailands. Typische Waffe der Thai-Boxer ist der gefürchtete Low-Kick zum Oberschenkel des Gegners, der mit dem Schienbein geblockt wird. Zum Repertoire gehören ferner Knie- und Ellbogentechniken und der Griffkampf im Clinch, der im Wettkampf nicht unterbrochen wird. Je nach Reglement und Profistufe des Kämpfers können Knietstöße zum Kopf zulässig sein. Dabei darf der Kopf des Gegners auch gegriffen und auf das tretende Knie gezogen werden. Beim Clinchen halten sich die Gegner im Stehen, versuchen sich aus dem Gleichgewicht zu bringen und treten mit den Knien gegen den Oberkörper oder die Oberschenkel des Gegners. Halten und Schlagen ist erlaubt! Einige Reglements lassen auch das Fangen und anschließende Halten des gegnerischen Beines zu. Die Faustschlagtechniken sind ähnlich dem traditionellen europäischen Boxen, es sind aber auch Schläge aus der Drehung zulässig, wobei der Kopf des Gegners mit dem Faustrücken getroffen wird. Einige Stilarten erlauben auch Würfe. Die Techniken sind kompromisslos einfach, direkt und schnörkellos. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist Muay Thai aber keine Sportart für dumpfe Schläger, sondern eine Kriegskunst, die deutlich älter ist, als z.B. das japanische Karate.

In vielen Ländern Süd-Ost Asiens sind ähnliche Systeme entstanden: Pradal Serey in Kambodschia, Lethwei oder Burma-Boxen in Myanmar (Burma), Tomoi in Malaysia und Lao Boxing in Laos. Muay Thai ist vermutlich weder „besser" noch „effektiver" als verwandte Kampfkünste, die ausschließlich im Vollkontakt betrieben werden, aber aufgrund der Wirtschaftsleistung Thailands und der Präsenz des Profi Muay Thai in den westlichen Medien ist es derzeit sehr populär.

Die Ursprünge des Volkes der Thai sind im Südwesten Chinas zu finden. Ab dem 9. Jahrhundert n. Chr. begannen sie gruppenweise in das Gebiet des heutigen Nordwest-Thailands zu ziehen. Diese Völkerwanderung hielt bis ins 13. Jh. n.Chr. an und stellte keinen plötzlichen und gewaltsamen Eroberungszug dar. Man vermutet, dass aus dem Bedürfnis, sich verteidigen zu können, bereits zu dieser Zeit die Urform des Muay-Thai entstand.

Die genaue Geschichte kann leider nicht mehr rekonstruiert werden, da 1767 im Krieg zwischen Siam (Thailand) und Birma die meisten Aufzeichnungen über die Kunst und Traditionen des Muay Thai vernichtet wurden. Einige Quellen berichten, das Thaiboxen gehe bis auf das Jahr 1560 zurück, als König Naresuan von Siam in burmesischer Gefangenschaft war. Man sagte ihm Freiheit zu, wenn er in einem Zweikampf die burmesischen Champions besiegen könnte. Der König hatte Erfolg und das Thaiboxen wurde zum Nationalsport, der vor allem vom Militär gepflegt wurde.

Das Muay Thai ist also keine Sportart im westlichen Sinne; es entwickelte sich aus den Kriegskünsten. Ursprünglich beinhaltete es fünf Disziplinen: Maya (waffenloser und bewaffneter Kampf), Montra (Esoterik und Heilkunde), Koschasatra (Kampftechniken vom Elefantenrücken), Assavasatra (Kämpfen vom Pferd) und Tanusatra (Bogenschießen). Wenn Schwert und Speer unbrauchbar wurden, benutzte der Krieger eben seine Beine, Fäuste und Ellenbogen zum Kämpfen.

Diese klassische, traditionelle Art wird Muay Boran genannt. Muay Boran ist eine sehr komplexe Kampfkunst, die nicht nur das Kämpfen mit unterschiedlichen Waffen (Krabi Krabong) beinhaltet, sondern auch Bewegungen umfasst, die aus der Beobachtung verschiedenster Tiere entwickelt wurden und - ähnlich wie beim Shaolin Kung-Fu - in Formen (Tao, Kata) systematisiert sind. Aus diesen Tierformen entstanden über die Jahrhunderte mehrere Stilrichtungen wie z.B. die Kranich-, Wasserbüffel-, Kampfhahn- und Tigerform.

Man kann sogar mehrere regionale Stilrichtungen unterscheiden. Das Muay Korat aus dem Nord-Osten Thailands betont vor allem die Kraft. Es wurden Techniken wie der „Niederschlag eines Büffels" entwickelt, die den Kämpfer tatsächlich in die Lage versetzten sollen, einen Büffel mit nur einem Schlag zu fällen. Das ist weniger unglaublich, als es zunächst klingt; Mas Oyama, der Begründer des Kyokushinkai Karate, hat in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mehrfach wilde Stiere mit nur einem Schlag mit der bloßen Faust getötet.

Das Muay Lopburi aus der Zentralregion betont die Bewegung. Seine Stärken liegen in geraden Fauststößen und Kontertechniken. Man sagt den Kämpfern nach, sehr clever zu agieren.

Das Muay Chaiya legt großen Wert auf die richtige Stellung und betont die Verteidigung, insbesondere mit Knieen und Ellbogen. Wichtiger, als dem Anderen Schmerzen zuzufügen ist es, selbst nicht getroffen zu werden. Der Name „Chaiya” deutet auf eine Provinz im Süden des Landes. Der Stil entstand aber vermutlich im Umfeld der königlichen Familie und wurde erst später von einem ehemaligen Gerneral namens Tan Poh Ma, der zum Mönch konvertierte, mit in den Süden gebracht. Bis heute ist es im buddhistisch geprägten Thailand nicht unüblich, dass ältere Menschen sich nach einem weltlichen Leben ins Kloster zurückziehen.

Das Muay Pra Nakorn und das Muay Ta Sao stammen beide aus dem Norden des Landes. Besonders großer Wert wird auf die Geschwindigkeit gelegt, insbesondere bei den Fußtechniken. Aufgrund der schnellen Techniken bezeichnet man den Stil auch als „Ling Lom" (Windiger Affe).

Alle diese Stile kämpfen nach Art des Muay Kad Chuek mit Hanfbandagen. Die Techniken sind nach den klassischen Regelwerk nicht eingeschränkt. In früheren Zeiten wurden die Hanfbandagen sogar noch mit Glassplittern beklebt. Wie beim antiken westlichen Boxen entstanden so tödliche Waffen.

 

Ein weiteres Merkmal des klassischen Muay Boran ist der rituelle Tanz Wai Khru oder Ram Muay, den die Kämpfer zu Beginn eines Kampfes aufführen, um ihren Lehrern Respekt zu zollen, sowie die klassische thailändische Musik, die den gesamten Kampf begleitet. Die (Un-)Sitte westlicher Kämpfer, auf den Wai Khru zu verzichten, wird in Thailand nicht gerne gesehen. Ein Kämpfer ohne Respekt vor seinem Lehrer und seinen Ahnen wird gering geschätzt.

Die traditionelle Kriegskunst verlor zu Lasten modernerer Verteidigungsformen während des 19. und 20. Jahrhunderts auf dem Schlachtfeld immer mehr an Bedeutung, jedoch ist er für das Selbstbewusstsein der Thai nach wie vor sehr wichtig.

Im krassen Gegensatz zum traditionellen Muay Thai steht das moderne Profi-Geschäft - mit sämtlichen Auswüchsen, die auch im westlichen Boxen bekannt sind. Wie im Westen streiten unterschiedliche und nicht immer seriöse Verbände um die Alleinvertretung des Muay Thai. Die Promoter wollen Geld verdienen und halten ihre Kämpfer nur noch dazu an, im Ring gute Wetteinsätze zu erzielen. Auch westliche Schüler sind inzwischen als profitable Einnahmequelle erkannt und werden entsprechend abgearbeitet. Mit der klassischen Lehre hat das meist nicht mehr viel zu tun.

Man darf allerdings nicht vergessen, dass Thailand nach wie vor zur 3. Welt zählt. Für viele arme Familien besteht die einzige Möglichkeit ihre Kinder zu ernähren darin, sie wegzugeben - die Mädchen verschwinden auf diese Weise im Rotlichtmilieu der Touristenhochburgen und die Jungs in irgend einem Thaibox-Camp. Wenn sie Glück haben, erwartet sie eine lange und erfolgreiche Karriere. Zwar gehört dem Promoter alles - selbst die Hose und der Kampf-Name des Athleten - aber erfolgreiche Kämpfer sind echte Stars. Die weniger talentierten Kämpfer werden rücksichtslos verheizt. Kampfrekorde mit mehreren Hundert Kämpfen (!) sind in einer Sportart, die kaum Sparring und Trainingswettkämpfe kennt, keine Seltenheit.

Der König von Thailand und das Erziehungsministerium unterstützen Muay-Thai-Akademien, die das klassische Muay Boran unterrichten und in denen sich die Schüler keine Sorgen um Geld machen müssen. Neben dem Profi-Geschäft des WMTC (World Muay Thai Council) wird auch versucht, die Sportart über die IFMTA (International Federation of Muay Thai Amateur) ins Olympische Programm zu bekommen.

Muay Thai Look Mai

Muay Thai Mae Mai

 

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