Wie das Boxen zählt auch der Ringkampf zu den antiken olympischen Disziplinen. Vermutlich ist er jedoch wesentlich älter. In allen Kulturen wurden Formen des Ringkampfes gepflegt und kultiviert. Ganz besonders bedeutsam ist der Bodenkampf, da sich aufgrund der besonderen Situation Schlag- und Tritttechniken dort kaum wirkungsvoll anbringen lassen. Turniere mit offenem Regelwerk haben in der jüngsten Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen, dass ein Kämpfer ohne gute Fähigkeiten am Boden in einer echten Auseinandersetzung nicht bestehen kann.


Darstellung auf einer antiken Vase

Durch unterschiedliche Regelwerke entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte klar voneinander abgegrenzte Sportarten. Schon in der Antike wurde in Europa das Kämpfen ohne Regeln vom stark reglementierten Ringkampf getrennt. Beim Pankraton (Allkampf) war so gut wie alles erlaubt und bisweilen wurde auch schon mal ein im Kampf ums Leben gekommener Sportler zum Sieger erklärt. Beim Ringkampf hingegen waren nur Grifftechniken zulässig. Musste der Gegner beim Pankraton kampfunfähig gemacht oder zur Aufgabe gezwungen werden, so reichte es beim Ringen, ihn mit den Schultern auf den Boden zu bringen. Im Gegensatz zum griechisch-römischen Stil heutiger Olympiaden waren jedoch auch Griffe unterhalb der Hüfte und Beinwürfe erlaubt.


Olympisches Ringen der Neuzeit

Auch in Japan entwickelten sich aus dem archaischen Ringkampf unterschiedliche Kampfkünste wie Sumo, Jiu-Jitsu und Judo. Unter dem Einfluss mongolischer Nomaden entstand in China ein Vorläufer des Sumo, das sich in Japan zu einer sehr stark vom Zeremoniell eingegrenzten Zuschauersportart entwickelte. Im Gegensatz dazu war das Jiu-Jitsu die waffenlose Kampfkunst der Samurai, die in erster Linie zum Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht war. Jigoro Kano (1860 - 1938) reformierte das Jiu-Jitsu und entwickelte es zur Budo-Sportart weiter, indem er alle besonders gefährlichen Techniken eliminierte. Damit schuf er die Voraussetzung zu seiner Versportlichung. Seit 1964 ist Judo olympisch.

1914 emigrierte der japanische Jiu-Jitsu Meister Esai Maeda nach Brasilien, wo er sich beim Aufbau der japanischen Auswandererkommune engagierte. Bei seinen Bemühungen war ihm Gastão Gracie, ein brasilianischer Lokalpolitiker schottischer Abstammung, behilflich. Um seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen, unterrichtete Maeda Gastãos ältesten Sohn, Carlos in der Kunst des alten Jiu-Jitsu. Carlos gab das Gelernte an seine vier Brüder Oswaldo, Gastao, Sorge und Helio weiter. 1925 hatte der Familienclan der Gracies die uralte Kunst so weit perfektioniert, dass sie die erste Schule in Botafogo, einem Stadtteil von Rio de Janeiro, gründen konnten. Dies war die Geburtsstunde des Brazilian Jiu-Jitsu. Im Gegensatz zum traditionellen Budo-System der Japaner lag das Hauptaugenmerk der Gracies von Anfang an auf einer realistischen Selbstverteidigung.


Helio Gracie

Ein wesentliches Instrument zur Weiterentwicklung der Techniken war und ist der Wettkampf ohne Regeln mit Sportlern sämtlicher Stilrichtungen. Die Gracies haben beinahe das gesamte 20. Jahrhundert damit verbracht, Kämpfer anderer Stilrichtungen herauszufordern und mit ihnen zu kämpfen. Mit 17 stieg der eher schmächtige Helio zum ersten Mal in einen Ring, um gegen einen Boxer namens Antonio Portugal anzutreten. Helio gewann in 30 Sekunden. Helio war auch der erste westliche Jiu-Jitsu Meister, der gegen einen Japaner antrat. 1932 kämpfte er gegen Namiki. Der Kampf endete unentschieden, erregte in Japan jedoch eine gewisse Aufmerksamkeit. In Brasilien entwickelten sich die Kämpfe ohne oder mit minimalem Regelwerk schnell zum Publikumsmagnet. 12.000 Menschen verfolgten Helios Kampf gegen den japanischen Vize-Weltmeister Kato im Maracana Stadium. Auch dieser Kampf endete unentschieden, so dass Helio einen Rückkampf forderte. Der zweite Kampf fand im Ibirapuera Stadium in Sao Paulo statt. In der sehr technisch geführten Auseinandersetzung gewann Helio schließlich mit einem Würgegriff. Dieser Sieg brachte ihm internationale Anerkennung.

Helio kann für sich beanspruchen, mit drei Stunden und 45 Minuten (ohne Pause!) den längsten dokumentierten Kampf der Geschichte abgeliefert zu haben. Legendär ist auch sein Kampf gegen Masahiko Kimura, einen der größten Kämpfer, die Japan je hervorgebracht hat.

Helio forderte auch die Stars des Profiboxens heraus, darunter klingende Namen wie Primo Carnera, Ezzard Charles und den damaligen Schwergewichts-Weltmeister Joe Louis. Es kam jedoch keiner der Kämpfe zustande. Inzwischen ist Helio über 90 Jahre alt, doch er erfeut sich bester Gesundheit und unterrichtet immer noch!

Der wohl berühmteste Vertreter des Gracie Jiu-Jitsu unserer Tage ist Helios Sohn Rickson. Rickson bekam das Jiu-Jitsu sozusagen schon mit der Muttermilch. Im Alter von sechs Jahren begann er seine Laufbahn als Wettkämpfer, mit 15 begann er zu unterrichten und mit 18 bekam er seinen Schwarzgurt. Die brasilianische Öffentlichkeit wurde erstmals auf Rickson aufmerksam, als er den berühmt-berüchtigten Schläger Zulu bezwingen konnte. Zulu wog über 100kg und war Rickson körperlich weit überlegen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt den beeindruckenden Kampfrekord von 140 Siegen bei keiner einzigen Niederlage (!). Mit diesem unerwarteten Sieg wurde Rickson in Brasilien über Nacht zum Star. Von nun an galt er als der Top-Free-Fighter des Landes. Fünf Jahre später forderte Zulu einen Rückkampf und verlor vor 20.000 Zuschauern in Maracanazinho zum zweiten Mal.

Heute ist Rickson 8. Dan Jiu-Jitsu und lebt in den USA. Seine Technik gilt als die weltweit brillianteste Manifestation des Jiu-Jitsu. In über 400 Kämpfen blieb er ungeschlagen. Er war nicht nur im Ji-Jitsu, sondern auch im Freistilringen, im russischen Sambo und im Vale Tudo / No Holds Barred erfolgreich. Über 16 Jahre lang war er ungeschlagener Jiu-Jitsu Weltmeister im Halbschwergewicht und in der offenen Klasse. Er war 1994 und 1995 im Japan Open Vale Tudo und in den Ultimate Fighting Championchips (UFC) erfolgreich. In Japan ist er seit dem populär wie ein Rockstar.


Rickson Gracie

1997 gewann er das Pride 1 Vale Tudo vor 47.860 Zuschauern im Tokyo Dome. Dabei gelang es ihm, den japanischen Top-Fighter Nobuhiko Takada nach 4:47 in der ersten Runde zu schlagen. 1998 beim Pride 4 Vale Tudo konnte er vor gut 50.000 Zuschauern diesen Erfolg wiederholen. Beim Colosseum 2000, das wiederum im Tokyo Dome stattfand, vernichtete Rickson den extrem populären Japaner Masakatsu Funaki mit einem Würgegriff nach 11:46 in der ersten Runde. Den Triumph konnten schätzungsweise 30 Millionen TV Tokio Zuschauer zur besten Sendezeit mitverfolgen. Rickson wurde zur lebenden Legende.

Neben Rickson gewann auch Royce Gracie durch die Ultimate Fights (UFC) internationales Ansehen. Im Laufe der Zeit erwarb das Gracie Jiu-Jitsu den Ruf, unschlagbar zu sein. Das ist an sich Unsinn, da es immer der Kämpfer ist, der einen Kampf gewinnt, und nicht das "System" - aber der beeindruckende Kampfrekord der Gracies spricht dennoch eine deutliche Sprache. Ein cleveres Marketing begann Geld aus der jahrzehntelangen Arbeit des Clans zu schlagen. Das Gracie Jiu-Jitsu wurde gnadenlos vermarktet. In den 90er Jahren reiste Rorion Gracie, ein Sohn von Helio Gracie nach Amerika, wo er mit der Hilfe seiner Brüder Rickson, Royce und Royler versuchte, sein System populär zu machen. Sie setzten die brasilianische Tradition der Herausforderung fremder Schulen fort und machten durch ihre Erfolge in Kampfsport-Magazinen und Videos auf sich aufmerksam. Bis Ende der 90er Jahre blieben sie ungeschlagen.

Jetzt wollte jeder Brazilian Jiu-Jitsu lernen. Viele Schwarzgurte aus Brasilien sahen die Chance und eröffneten Schulen in den USA und es gab einen regelrechten Jiu-Jitsu Boom. Rorion Gracie musste sogar den Familienname rechtlich schützen lassen. Mit der Zeit kamen neue Generationen von brasilianischen Kämpfern, die neben soliden Kenntnissen im Bodenkampf auch noch Schlag- und Tritttechniken beherrschten, vornehmlich aus dem Muay Thai und dem westlichen Boxen. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Gracies wurden geschlagen, und spielen bei den heutigen Kämpfen eine untergeordnete Rolle. Einzig Rickson Gracie ist bis heute unbesiegt geblieben.


Vale Tudo

Neben der brasilianischen Variante des Jiu-Jitsu entstand in Brasilien eine Form des freien Ringkampfs ohne Do-Gi (Kimono). Anfang des 20. Jahrhunderts trafen sich im Bootsclub Boquerao do Passeio kräftige junge Männer um sich im Zweikampf zu messen. Zu Ihnen gehörten Fausto Brunocilla, Tatu, Calmon und Alemao. Sie trainierten zusammen hauptsächlich Bodenkampf, da beim damals aufkommenden Vale Tudo (regelloses Kämpfen) die Mehrzahl aller Kämpfe am Boden endete. Die körperliche Kraft spielte hier anfangs eine wichtige Rolle, da die meisten der ersten Luta Livre Kämpfer eigentlich Ruderer oder Gewichtheber waren.

Beim Kampf ohne Do-Gi stehen sich die Kämpfer nur mit Fight-Shorts bekleidet gegenüber. Dieses Kleidungsstück erinnert an eine Badehose - und hat sich wohl auch aus dieser entwickelt. Da die Kämpfer mit zunehmender Dauer des Kampfes sehr stark schwitzen, ist ein deutlich festerer Griff erforderlich, als beim Jiu-Jitsu. Ein grundlegendes Prinzip ist es, dem Gegner keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten zu lassen, die Kampfdistanz ist so eng, wie eben möglich - wie bei einer Anakonda.

Anfang der 70er Jahre beeinflusste Roberto Leitao die technische Entwicklung im Luta Livre. Er hatte sich jahrelang mit Techniken des Judo ohne Do-Gi befasst und studierte bei den verschiedenen Kampfsportschulen. Sein Fachwissen über Hebel und Schwerkraftgesetze kam dem Ingenieur und Universitätslehrer für Maschinenbau zu Gute. Da er von der Statur kleiner und nicht so stark war wie seine Trainingspartner, musste er an seiner Technik arbeiten. Mit der Zeit entwickelte er auf der Basis der Mechanik allgemeingültige Prinzipien, die für alle Techniken am Boden gelten.

Aus der nächsten Generation gingen Hugo Duarte und Eugenio Tadeu hervor die, die Techniken des Luta Livre wiederum an Marco Ruas und Daniel d' Dane weitergaben.

Letzterer ist im Hauptberuf Musiker und kam 1994 zufällig nach Deutschland. Er begann kleine Gruppen in Düsseldorf, Köln und Frechen zu unterrichten, die mit Andreas Schmidt und den Brüdern Ramin und Armin Eslami inzwischen eigene Schwarzgurte hervorgebracht haben.


Hugo Duarte

Daniel D´Dane


Eugenio Tadeu

 

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