Shukokai bedeutet so viel wie Weg für alle. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung des Shito-Ryu von Chojiro Tani (1921 - 1998), die man nach ihrem Begründer auch Tani-Ha-Shito-Ryu nennt. Der wesentliche Unterschied zum Shotokan besteht in den körperfreundlicheren Stellungen und in dem bewussten Versuch, die Techniken im Hinblick auf möglichst große Effektivität, d. h. maximale Schlaghärte für den Erstfall und Anwendbarkeit im Wettkampfsport zu verändern. Ziel ist die bestmögliche Umsetzung biomechanischer Prinzipien im Rahmen der taktischen Möglichkeiten der gegebenen Situation. Das Training am Schlagpolster ist integraler Bestandteil dieses Stils.

   

Kenwa (Kenshin) Mabuni (1893-1957) ist der Begründer des Shito-Ryu. Er begann seine Ausbildung wie Funakoshi unter Meister Itosu (Shorin-Ryu). Später wechselte er jedoch zur Schule von Kanryo Higashionna (Shorei-Ryu). Somit war er mit den beiden Hauptrichtungen des Okinawa-Te vertraut. Den Umgang mit den traditionellen Waffen des Ryukyu-Kobudo hat er von Meister Aragaki gelernt. Der Stil ist als Mischung von Shorei- und Shorin-Ryu mit dem Ryukyu-Kobudo durch einen ungeheuren Reichtum an Techniken gekennzeichnet. Es werden so gut wie alle bekannten Kata gepflegt!

Heute ist der Stil aber hoffnungslos zerstritten. Es gibt zahllose Interpretationen - von reinem Sportkarate bis hin zu sehr traditionellem Karate ohne jeden Wettkampf. Nach Mabunis Tod entwickelten Yukio und Chojiro Tani das Shito-Ryu zum Shukokai weiter. Von Anfang an wird bei der Ausbildung großer Wert auf das freie Kämpfen (Jiyu-Kumite) und das Training am Schlagpolster gelegt. Ein grundlegendes Prinzip ist der Versuch, die Initiative im Kampf zu erlangen (Senosen). Die Stellungen im Shukokai sind höher als im Shotokan. Die Aktionen im Shukokai sind sehr schnell und leichtfüßig.

 


Shigeru Kimura (1941 - 1995)


Die entscheidenden Impulse gingen jedoch von Tanis bestem Schüler, Shigeru Kimura aus. Er gewann zwei Mal die die All Japan Championships, bevor er sich vom Wettkampfsport zurückzog und nur noch darauf konzentrierte, den Stil weiter zu entwickeln.

Er versuchte Zeit seines Lebens den Bewegungsablauf der Techniken zu optimieren um Kraft, Schnelligkeit und Schlagkraft zu verbessern. Kimuras Shukokai kann man vielleicht am besten als angewandte Biomechanik umschreiben. In der Grundschule und selbst in der Kata (!) wird zum Beispiel beim Gyaku-Zuki (Gerade mit der Schlaghand) die Ferse des hinteren Beines vom Boden gelöst. Heute ist das im Wettkampf selbstverständlich. Zu Kimuras Zeiten galt das schon fast als Sakrileg!

1965 verließ Kimura Japan, um sein Shukokai zu verbreiten. Seine Reise führte ihn zuerst nach Südafrika (Zimbabwe, Mocambique), dann nach England und schließlich nach Amerika. In Europa übernam Yoshinao Nambu, ein weiterer Schüler von Chojiro Tani das Training.

In Europa hat sich vor allem der Schotte Tommi Morris bei der Verbreitung des Shukokai verdient gemacht. Bereits in den frühen 60er Jahren nahm er das Karatetraining auf. Er reiste mehrfach nach Frankreich, um dort bei dem Karate-Pionier Henri Plee (Shotokan) zu trainieren. Später kam er in Kontakt zu Yoshinao Nambu und Shigeru Kimura. Nach einigen Jahren harten Trainings wurde Tommi Morris der erste Schwarzgurt in ganz Schottland.

Seit dem widmete er sein ganzes Leben dem Karate. Er war zeitweise schottischer Nationaltrainer und arbeitet bis heute mit Sondereinheiten von Polizei und Militär zusammen. Heute ist er Weltchefkampfrichter der WKF und Chairman des Referee Councils.


Tommy Morris

Aus seinem ersten improvisierten Dojo in Glasgow wurde in 25 Jahren harter Arbeit ein eigener Weltverband - Kobe Osaka International - dem inzwisch Mitglieder in über 40 Nationen angeschlossen sind. Jährlich wird ein eigener Welt-Cup ausgetragen.

 

Seit 1965 hat Tommy Morris schätzungsweise über 75.000 Karateka in sein System eingeführt.

 


Pat McKAY (geb. 1957)

 

Tommy Morris' bedeutendster Schüler war Pat McKay, der in beeindruckender Weise insgesamt 5 Weltmeistertitel in der WUKO erringen konnte. Durch seine Lehrgänge in Deutschland wurde der sympathische Schotte auch hier einem breiten Publikum bekannt.

Seine rein sportliche Ausrichtung war Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre für Deutschland revolutionär. Zusammen mit anderen britischen Spitzenkämpfern seiner Zeit setzte er im Hinblick auf die Athletik völlig neue Maßstäbe. Recht neu war auch die Erkenntnis, dass es ruhig Spaß machen darf, hart zu trainieren. VOR Pat McKay wurde in deutschen Dojos nicht oder zumindest deutlich weniger gelacht!

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